SGKB-Artikel: Blockchain – Chance für KMU?

Ein Auszug aus dem Artikel des KMU-Fokus-Magazins der St.Galler Kantonalbank (SGKB) vom Januar 2020 zum Thema "Blockchain - eine Chance für KMU?" - ein Interview mit Prof. Ernesto Turnes. Weiterführende Infos und Videos finden Sie unter folgendem Link zur Homepage der St.Galler Kantonalbank.

Auszug aus Originalinterview:

Blockchain - Chance für KMU?

Der Begriff Blockchain wurde im Zusammenhang mit Kryptowährungen bekannt. Die Technologie bietet aber auch für KMU ein enormes Potential. Herr Prof. Turnes, Leiter Zentrum Banking and Finance an der FHS St.Gallen, erklärt im Interview die Funktionsweise und Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain.

Ernesto Turnes, warum ist Blockchain mehr als nur Bitcoins?

Der Bitcoin wird als weltweit erster Anwendungsfall der Blockchain in die Geschichtsbücher eingehen. Als er im Jahr 2009 ins Leben gerufen wurde, übernahm er gleichzeitig die Rolle des Geburtshelfers der Blockchain-Technologie. Bei der Blockchain handelt es sich vereinfacht gesagt um eine Liste oder ein Register, bei welchem alle Transaktionen zwischen den Netzwerk-Teilnehmenden laufend in Blöcke verpackt und in chronologischer Reihenfolge der Blockchain hinzugefügt werden. Im Unterschied zu den bis anhin üblichen zentralen Transaktionssystemen ist bei der Blockchain keine zentrale Instanz notwendig. Die Liste mit den Transaktionen wird in der Blockchain nicht mehr vom Mittelsmann geführt, sondern von den Teilnehmenden des dezentralen Netzwerkes. Neben dem Verzicht auf die zentrale Instanz liegen die Stärken der Blockchain auch in der Transparenz und der Fälschungssicherheit der gespeicherten Datensätze.

Warum tun sich immer noch viele Unternehmen schwer mit der Blockchain-Technologie?

Jede technologische Entwicklung stösst zuerst auf eine gewisse Skepsis. Dies war beispielsweise auch bei der Erfindung des Internets zu beobachten. Nach einer anfänglichen Hype-Phase beruhigen sich die Gemüter meist wieder, was den Nährboden für den potenziellen Durchbruch schaffen kann. Die Blockchain-Technologie hat mittlerweile die medial aufgebauschte Hype-Phase hinter sich gebracht, steckt aber immer noch in den Kinderschuhen. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die Blockchain-Technologie ihr gesamtes Potenzial entfalten und sich als Massenadaption etablieren kann.

Welche neuen Geschäftsmodelle ermöglicht die Blockchain-Technologie?

In den letzten Jahren sind Blockchain-Startups wie Pilze aus dem Boden geschossen, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Mittlerweile sind einige dieser Startups bereits wieder von der Bildfläche verschwunden. Nichtdestotrotz bietet die Blockchain-Technologie das Potenzial, diverse Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft fundamental zu verändern. In Zukunft könnte die Blockchain beispielsweise Auswirkungen auf den Zahlungsverkehr, die Handelsfinanzierungen, die Geldanlagen oder die Finanzierung von Unternehmen haben. Ausserhalb der Finanzwelt könnte die Blockchain eingesetzt werden, um digitale Identitäten zu erschaffen, einen eindeutigen Herkunfts- oder Echtheitsnachweis von Produkten zu erbringen sowie Wahlen und Abstimmungen fälschungssicher durchzuführen.

Welche Chancen und Risiken bietet die Technologie?

Die Blockchain-Technologie überzeugt grundsätzlich durch hohe Transparenz und Sicherheit und macht die zentrale Instanz auch dann überflüssig, wenn sich die beteiligten Parteien im Ökosystem gegenseitig nicht vertrauen. Meines Erachtens braucht es jedoch noch weitere Vereinfachungen und Standardisierungen, bevor sich die Blockchain-Technologie in der Masse durchzusetzen vermag.

Können Sie exemplarisch zwei Praxisbeispiele erläutern, wie KMU erfolgreich die Blockchain nutzen?

Ein Praxisbeispiel, das für mehrere KMU relevant sein könnte, ist der Herkunfts- oder Echtheitsnachweis. Ein Markenartikel-Hersteller könnte sich mit Hilfe der Blockchain beispielsweise vor billigen Kopien schützen und den Konsumenten die Möglichkeit geben, die Echtheit mehrerer Markenprodukte auf einfache Weise mit dem Smartphone zu überprüfen. Ein weiteres Praxisbeispiel sind Finanzierungen von Unternehmen und Projekten über die Blockchain. Wertpapiere wie Aktien und Obligationen könnten grundsätzlich als digitale Tokens dargestellt und über die Blockchain emittiert und gehandelt werden. Die Schweizer Börse SIX entwickelt derzeit mit der SIX Digital Exchange (SDX) eine eigene Plattform für den Handel von solchen tokenisierten Vermögenswerten.

An welchen Projekten forschen Sie an der FHS St.Gallen im Moment zu diesem Thema? Gibt es bereits einige wichtige Erkenntnisse daraus?

Im Februar 2019 haben mein Mitarbeiter Pascal Egloff und ich das Fachbuch «Blockchain für die Praxis» veröffentlicht. Dieses Buch bildet die Grundlage für unsere Beratungsprojekte bei KMU sowie zahlreiche Referate und interne Schulungen bei Unternehmen, Banken und Institutionen. Im Bereich angewandte Forschung befassen wir uns aktuell mit einem Projekt mit dem Titel «Independent Evaluation Framework for Security Tokens». Gemeinsam mit namhaften Praxispartnern werden wir in den nächsten Monaten einen Standard im Bereich tokenisierter Wertpapiere entwickeln. Dieser Standard soll beispielsweise die Geschäftstätigkeit von Banken und institutionellen Anlegern wie Pensionskassen vereinfachen und dazu beitragen, dass die Tokenisierung von Vermögenswerten in der Schweiz weiter vorangetrieben wird.

Was empfehlen Sie KMU jetzt ganz konkret, um den Anschluss nicht zu verpassen?

Als KMU ist es aus meiner Sicht nicht zwingend erforderlich, sich bei allen technologischen Entwicklungen an vorderster Front zu positionieren. Ich würde es den KMU jedoch empfehlen, sich laufend mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und gewisse Erfahrungswerte zu sammeln, um bei Bedarf rechtzeitig auf den Zug aufspringen zu können. Die Blockchain-Technologie befindet sich immer noch in einem Anfangsstadium, weshalb es noch nicht zu spät ist, sich mit dem Potenzial und den Anwendungsmöglichkeiten dieser Technologie zu befassen. Jedes KMU sollte die grundlegende Funktionsweise der Blockchain verstehen und sich überlegen, wie das eigene Geschäftsmodell von dieser Technologie positiv oder negativ tangiert werden könnte.

Welche Blockchain-Anwendungen nutzen Sie selbst schon?

Als Privatperson habe ich bereits mehrere Tokens gehandelt sowie an der Emission von neuen Tokens teilgenommen. Zudem betreiben wir an der FHS einen Blockchain-Knoten der Ostschweizer Firma Blockchain Trust Solutions AG. In diesem Zusammenhang nutzten wir die Blockchain bisher für Echtheitsnachweise sowie für das Speichern von Teilnahmebescheinigungen an unserem letztjährigen Forum «Blockchain for Business».

Interview von St.Galler Kantonalbank mit Ernesto Turnes, publiziert auf www.sgkb.ch als Teil vom KMU-Fokus 01/2020.

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